Starke Helden in der Landwirtschaft: Erika Güttersberger

Erika Güttersberger ist Bezirksbäuerin in der Probst, in der Gemeinde Murau, und bewirtschaftet den Hof „Vulgo Hinterer Winkler“ mit Blick auf Murau. Auf rund 1.200 m Seehöhe ist das Leben hart, aber auch reich an erfüllenden Momenten. Ein Einblick ins Bergbauerndasein heute.

 

Wie lange ist Ihre Familie schon auf diesem Hof bzw. was können Sie uns zur Geschichte des Hofes erzählen?

Mein Großvater kaufte den Hof gemeinsam mit seinem Bruder. Er war zu Beginn nur eine Zuhube, der Hof war sehr desolat. Mein Vater (1935 geboren) hatte den Hof dann im Jahr 1969 übernommen. Ich wiederum habe den Hof dann mit meinem Gatten 1995 übernommen. Wir hatten immer so zwischen sechs und sieben Milchkühen mit eigener Nachzucht. Ebenso Schafe, Schweine und Hühner.

Es hat uns dann das Schicksal herausgefordert: 2003 verunglückte mein Ehemann tödlich. Ich bin dann mit vier Kindern auf dem Betrieb geblieben. Wir haben versucht, ihn bestmöglich weiter zu führen, mittlerweile ist mein älterer Sohn mit seiner Familie zu Hause. Ich bin auch schon dreifache Oma und habe zwei Enkerln zu Hause. Mein Sohn möchte den Betrieb auch ausbauen. Seit 2005 stellten wir den Betrieb um auf Kalbinnenlohnaufzucht.

Wir besitzen einen Kooperationsbetrieb. Diese Veränderung war nach der Katastrophe notwendig. Um die zeitlichen Ressourcen besser einteilen zu können, auch mit Kinder-in-die-Schule-Bringen und dem Abholen. Der Kooperationsbetrieb wird von meinem Schwager geführt, und wir haben die weibliche Aufzucht übernommen. Dies ist für uns eine sehr gute Kombination. Wir praktizieren auch die Direktvermarktung von Rindfleisch. Ebenso haben wir ein paar Ziegen am Hof, denn meine Jungen wollen da in die Ziegenmilchproduktion einsteigen.

Meine Schwiegertochter in spe macht gerade den Facharbeiter für Landwirtschaft in Kobenz. Es tut sehr gut, wenn man merkt, dass die Jugend nachrückt und Freude am Betrieb hat. Sie ist nicht aus der Landwirtschaft, sondern in einer Wohnung aufgewachsen, und war immer schon mit dem Gedanken bei einer Zukunft auf einem Bauernhof. Jetzt bringt sie sich sehr stark ein und versucht gerade, ein neues Standbein aufzubauen, damit sie auch einen Zusatzverdienst zu Hause hat. Dies ist auch eine Schnittstelle zur Berufsorientierung. Zurzeit ist es eine Herausforderung, mit Kindern (6 und 4 Jahre alt), die sonst in den Kindergarten gehen, auf einmal daheim zu sein. Auch mein Sohn geht zwar außerbetrieblich Vollzeit arbeiten, aber ist jetzt durch Kurzarbeit teilweise zuhause. Es ist jedoch genug Arbeit im Frühjahr daheim, die heuer so gut genutzt werden konnte. Also, wenn Männer mehr Zeit zu Hause verbringen müssen, ist der Ausgleich am Bauernhof natürlich sehr gut. So kann man die Zeit sinnvoll verbringen.

Welchen Stellenwert haben Bio bzw. Nachhaltigkeit bei Ihnen?

Wir sind ein Bio-Produktionsbetrieb, für uns dies ein Auftrag und keine Auflage. Diese bewusste Umsetzung wird an unserem Hof gelebt. Und es freut uns sehr, dass dieses Konzept auch von unserer Jugend so weitergelebt wird.

Welche Produkte erzeugen Sie und was schätzen Sie bzw. Ihre Kunden daran besonders?

Wir erzeugen Fleisch für den Eigengebrauch, Schwein und Rindfleisch, sowie Ziegenmilchprodukte – ein wenig in Direktvermarktung. Unsere Kunden schätzen unseren Umgang mit den Tieren wirklich sehr. Auch wird beim Produktkauf manchmal nachgefragt, wie die Tiere auf unserem Hof aufwachsen. Oder: Wie hat das Vieh geheißen, ist eine Frage, mit der wir manchmal von Kunden überrascht werden. Eine Kundin war hoch erfreut, als wir ihr ein Video zeigen konnte, wie ein Rind ohne Stress zum Schlachter gebracht worden ist. Unsere Tiere haben alle noch einen Namen bzw. sogar manche Hühner. Wir bringen dem Tier eben noch große Wertschätzung gegenüber.

Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?

Ich liebe das Arbeiten und das Leben mit und in der Natur. Wir leben im Jahreslauf und genießen unsere Umgebung sehr. Ich mag das Großwerden im Frühjahr und auch das Sich-zurück-Ziehen im Herbst. Auch schätze ich die Hoffnung auf einen Neubeginn im nächsten Jahr und wirklich zu wissen, was ich habe an dem, was ich produziere. Wir haben selber zwar keine Milch mehr am Hof, aber ich hole diese dann bei meinem Schwager. Also, es ist alles sehr nahegelegen und sehr regional.

Wenn Ihnen noch Freizeit übrigbleibt, womit verbringen Sie diese gerne?

Viel meiner Freizeit verbringen ich mit Gartenarbeit – dies ist für mich keine Arbeit, sondern eher ein großes Hobby. Ich habe einen sehr großen Hausgarten mit Blumen. Und wenn noch Zeit bleiben sollte, dann versuche ich, mir diese sehr bewusst zu nehmen, in den Wald und spazieren zu gehen, also mich wirklich auch in der Natur zu bewegen.
Ich fahre natürlich auch einmal weg und gönne mir einen Tapetenwechsel, so haben wir ein kleines Häuschen in Griechenland. Dies klingt jetzt sehr großspurig. Wir machen da aber sehr gerne Urlaub und genießen es, auch einmal wegfahren zu können. Ab und zu auszubrechen und die Jugend arbeiten lassen, ist manchmal schon willkommen. Mit einem guten Gewissen, wieder gut nach Hause kommen zu können.

Für die Jugend ist es aber auch eine Möglichkeit, sich selbst zu versuchen und ausprobieren zu können. Und ich weiß, dass es zu Hause auch mal ohne mich laufen zu kann. Allerdings muss ich noch ein paar Jahre arbeiten, bevor ich den Betrieb übergeben kann. Aber wir versuchen einfach, durch die Aufteilung von Kompetenzen, jedem eigene Aufgaben und Verantwortlichkeiten zu gegen, damit man sich nicht in die Quere kommt.

Welche Projekte möchten Sie eventuell in Ihrem Betrieb noch realisieren?

Aktuell geht es um die Realisierung der Ziegenprodukte, wie Milch und Käse. Diese möchte unsere Jungbäuerin gerne vermehrt erzeugen, und im Speziellen auch mehr Rindfleischprodukte unseren Konsumenten anzubieten.

Was hat sich durch Corona an Ihrem gewohnten Alltag geändert bzw. wie gehen Sie damit um?

Durch die Coronazeit sind unsere Enkerln zu Hause. Es hat sich so nicht viel geändert. Ich bin früher auch nicht öfters als ein Mal pro Woche einkaufen gegangen. Für mich merke ich zurzeit, dass Einkaufen irgendwie Stress erzeugt. Ich merke, ich brauch noch viel weniger, weil, was ich nicht habe, brauche ich auch nicht. Natürlich kommt der Frühling nun auch dazu – ich ziehe Salate und Kräuter im Garten. Wir sind da auch sehr kreativ: Fleisch, Brot und Milch haben wir selbst oder vom Nachbarn. Wir brauchen nicht wirklich viel.
Eine ‚Einschränkung‘ ist es derzeit, dass die Kinder zu Hause mehr Beschäftigung brauchen. Was für mich sehr positiv ist, denn meine jüngste Tochter ist 17 Jahre und besucht die HLW in Murau. Zurzeit brauche ich nicht schauen, wann muss sie wann wo sein oder wohin soll ich sie gerade bringen. Aber dadurch haben wir auch den Tag frei zur eigenen Gestaltung. Es ist derzeit sehr entschleunigend. Ich genieße diese Zeit auch sehr, die ich momentan mit meinen Enkeln im Wald und beim Natur- Beobachten verbringen darf: Kaulquappen schauen, Tiere entdecken und vieles mehr.

Wie sehen Sie Ihre eigene Zukunft bzw. die des Bauernstandes an sich?

Ich hoffe wirklich für uns, für den Bauernstand, für die Bäuerinnen und Bauern vor allem im Bezirk Murau, dass die Wertschätzung eine höhere bleibt – sie ist ja in der Krise gestiegen. Wenn viele merken „365 Tage im Jahr sind unsere Bauern und Bäuerinnen für uns da, die arbeiten mit und ohne Krise, egal ob Sonntag oder Feiertag“. Ich glaube, diese Wertschätzung, die würde ich mir wünschen bzw. dass diese auch weiter transportiert werden kann und so erhalten bleibt. Dann wird’s unseren Bauern auch nicht schlecht gehen.
Die Bauern und Bäuerinnen dürfen auch nicht den Fehler machen, von unseren Konsumentinnen zu verlangen, nur regional zu kaufen. Auch wir selbst müssen uns bemühen, unsere Einkäufe regional zu tätigen. Das glaube ich, muss uns bewusst sein oder erst werden, nur so können wir auch den Bezirk Murau wirklich am Leben erhalten. Wenn wir alle auch da einkaufen und schauen, dass die Region gestärkt wird. Jetzt ist es natürlich super, wenn in Ranten und in Teufenbach die kleinen Geschäfte alles haben. Aber ich muss dann auch in einer anderen Zeit daran denken. Die paar Cent Preisunterschied verfährt man dann oft eh, wenn man in auswärtige Städte fährt. Wenn wir dies gemeinsam umsetzen, dann kann es aus meiner Sicht auch gut gelingen.

Wir sind ein Bio-Produktionsbetrieb, für uns dies ein Auftrag und keine Auflage.

Welche Bildungsoffensive bräuchte es aus Ihrer Sicht in der Region? Vielleicht neue Themen, die Seminarbäuerinnen und Bezirksbäuerinnen bespielen könnten?

Wir sind immer schon am Überlegen, was jetzt auch von den Seminarbäuerinnen bereits forciert wurde, nämlich das Vorratshalten. Dies wird zukünftig vielleicht mehr werden. Etwa Rindfleisch selbst zu kochen. Mit einfachen Rezepten und einfachen Zutaten für Personen, die aktuell wieder begonnen haben zu kochen und so dabei unterstützt werden können. Dies wäre was Neues, was wir anbieten könnten. Dies wäre auch etwas, was wir in der Landwirtschaftskammer versuchen sollten, nachhaltiger zu denken.
Auch in den Schulen stellen unsere Seminarbäuerinnen immer wieder Produkte vor. Dies könnten wir auch noch im heurigen Schuljahr umsetzen: Dass zum Beispiel die Bäuerinnen in der Schule kleine Rezepthefte austeilen. Vielleicht könnte man auch eine Telefonnummer zur Informationsweitergabe veröffentlichen, wo Personen Tipps rund ums Kochen und Backen einholen könnten. Vor kurzem hat mich eine Bekannte kontaktiert und erklärt, sie habe Brot mit ihren Kindern gebacken und selbst Gartenkräuter für den Aufstrich gesammelt. Bis auf die Butter konnte alles selbst hergestellt werden. Gerne habe ich ihr den Tipp gegeben, dass man selbst Butter produzieren kann, indem man etwas Schlagobers in ein Glas gibt, gut verschließt und das Glas solange schüttelt, bis der Inhalt klumpig zu Butter geworden ist. Sie hat den Tipp angenommen und sodann auch umgesetzt. Oft sind es kleine Tipps, die hier sehr hilfreich sein können.

Zudem gibt es weitere tolle Angebote in unserem Bezirk Murau. Gerne will ich hier auch den Bauernladen in Murau anführen. Dieser bietet verarbeitete Fleischprodukte wie Geselchtes, Schweinsbraten, Speck und Würstl, Milch- und Käseprodukte, Joghurt, verschiedene Brotsorten, Schnäpse, selbstgemachte Nudeln, Zirbenprodukte sowie Gestricktes und kleine Geschenke an. Ebenso wird Honig und Eingekochtes verkauft. Der Murauer Bauernlanden stellt auch gerne individuelle Jausenplatten für verschiedenste Anlässe zusammen. Hier können regionale Produkte als köstliche Schmankerl abgeholt werden. In Murau greifen wir auch auf einen sehr guten Kooperationsbetrieb zurück: So bezieht die Fleischerei Kailerei in Murau ihre Schlachttiere nur aus der Region Murau Murtal und dem Lungau. Der Betrieb bietet veredelte Fleischprodukte in Topqualität: ehrlich, regional und wertvoll. Im Bezirk Murau kann man regionale Bauernprodukte ‚DIREKT‘ auch am Biobauernmarkt Neumarkt, in Maxis Feinkostladen in St. Lambrecht oder auch in Oberwölz erwerben.

Was möchten Sie abschließend noch den Konsumenten der Region Murau Murtal mitgeben?

Ich würde mir wünschen, dass das momentan wachsende Bewusstsein für Regionalität erhalten bleibt und wir zu schätzen wissen, was wir in unserem Bezirk haben. Vieles ist sehr wertvoll. Wir können in unserer Region Produkte einer intakten Natur produzieren. Gemeinsam können wir die vielen kleinen Handelsbetriebe in der Region erhalten. Indem wir nicht auf Amazon, sondern in den kleinen Geschäften im Ort einkaufen. Dies bringt auch ein kleines Stück Entschleunigung, welches wir uns vielleicht erhalten sollten. Weniger ist mehr und kann dadurch auch einen Mehr-Wert erhalten.

Die Krise hat mir auch wieder gezeigt, dass die Natur aufatmet. Der blitzblaue Himmel erinnert mich zurzeit wirklich an meine Kindheit, wo wir die ersten Flugzeuge am Himmel noch bestaunt haben. Ich sehe das Positive an dieser Zeit – irgendwie haben wir wieder für uns mehr Zeit. Das ist der größte Profit, den wir jetzt alle mitnehmen können: Mit sich selbst wieder auszukommen.

Vielen Dank für das Gespräch!