Starke Frauen, die auf die Technik schauen

Frau Birgit Dechler hat die Abend-HTL in Zeltweg absolviert und sie erzählt uns, wie es für sie war und welche Eindrücke sie gesammelt hat. Doch wie kam es dazu, dass sie sich für einen technischen Beruf entschieden hat? Wie sieht es mit Gleichstellung aus, in einer männerdominierten Branche? Das und noch viel viel mehr erzählt uns die Powerfrau aus Judenburg in einem Interview.

Name: Birgit Dechler
Unternehmen: ÖBB Technisches Service Knittelfeld
Beruf: Arbeitet im Industrial Engineering
Wohnort: Judenburg
Alter: 36
Verheiratet, 1 Sohn (14 Jahre), Arbeitgeber: ÖBB Knittelfeld

Wie sind Sie auf die Abend-Ausbildung in der HTL Zeltweg gekommen?

Ich habe eigentlich schon länger gewusst, dass es die die Möglichkeit gibt, die Abend-HTL in Zeltweg in Kooperation mit Kapfenberg zu machen. Von mir haben bereits Bekannte diese Ausbildung direkt in Kapfenberg absolviert. Auf Nachfrage bei der HTL Zeltweg konnte ich dann im zweiten Semester noch einsteigen. Zu Beginn musste ich jedoch die Prüfungen aus dem ersten Semester nachholen.

Wer hat Sie aus Ihrem privaten Umfeld besonders unterstützt, wie wichtig war das für Sie?
Das waren ganz wesentlich mein Mann und mein Sohn. Ohne diese Unterstützung hätte ich diese Ausbildungen nicht geschafft.

Was war Ihr erster Bildungsweg?

Ich habe bei der ÖBB Maschinenbautechnikerin gelernt. Dazu habe ich übers BFI die Lehre mit Matura absolviert. Das heißt, die Berufsreifeprüfung Deutsch, Mathematik, Englisch und Betriebswirtschaft und Rechnungswesen hatte ich bereits vor der HTL abgeschlossen. In der Zwischenzeit habe ich zwei Jahre woanders gearbeitet. Im Anschluss an diese Zeit beendete ich über das Fachkräftestipendium die Ausbildung in der Abend-HTL.

Starke Frauen prägen unsere Region heute sichtbar – waren die Frauen in Murau Murtal schon immer stark oder hat irgendwann ein Wandel, auch in der Wahrnehmung, stattgefunden?
Ich denke, dass die Frau schon zu Urzeiten ein sehr starkes Geschlecht war. Es hat sich einfach die Perspektive verändert. Heute gibt es ganz andere Möglichkeiten wie damals. Eine Hausfrau mit Kindern muss ebenso sehr viel leisten, was immer wieder unterschätzt wird. Aber jetzt gibt es die Möglichkeit, als Frau zu sagen „Ich will in die Technik gehen“. Man wird nicht belächelt, sondern man wird dabei unterstützt. Das ist aus meiner Sicht eine sehr starke Veränderung.

Was hat Sie dazu begeistert, einen technischen Beruf auszuüben? War das schon immer so oder wie wurden Sie darauf aufmerksam?
Eigentlich überhaupt gar nicht, es wäre für mich ein technischer Beruf nie in Frage gekommen. Nach meiner Karenzzeit habe ich bei einem Kurs von Zam ‚Frauen für Frauen‘ mitgemacht, wo man sich technische Sachen ansehen konnte. Da bin ich draufgekommen, dass mich das sehr interessiert.
Dieses Feld ist eigentlich genau das was ich machen möchte. Noch dazu kommt, man verdient als Frau in der Technik nicht weniger – ich verdiene gleich viel wie meine männliche Kollegen. Noch bin ich in unserer Abteilung die einzige Frau.

Wir haben dann bei den ÖBB verschiedene Sachen anschauen dürfen. Wie Drehen und Schweißen – das gab mir die Möglichkeit, dass ich dort nachfragen konnte, ob eine Lehre hier möglich wäre. Dies hat dann geklappt.

Gab es Vorbilder aus Kindheit und Jugend?
Nein, überhaupt nicht.

Welche Initiativen und Maßnahmen wären Ihrer Meinung nach zielführend, vermehrt Frauen in der Technik zu fördern?
Es wird noch immer das Gerücht verbreitet, das wäre eine Männerdomäne und dass es Frauen schwer haben in der Technik. Sehr wichtig finde ich daher Schnupperangebote für Frauen, mit denen man sich wirklich ein Bild machen kann. Zum Beispiel nimmt die ÖBB am Girls Day teil, wo Frauen und Mädchen unverbindlich in die technischen Berufe hineinschnuppern können. Ebenso wichtig ist es, durch Medien publik zu machen, dass es Frauen in der Technik gut schaffen und das Gleiche wie Männer leisten können.

Für welche Projekt machen Sie sich zurzeit stark bzw. was ist demnächst geplant?
Ich habe mich bereits im Abschlussjahr der Abend-HTL mit einem Kollegen gemeinsam für ein Studium in Kapfenberg entschieden. Nach einer Recherche fanden wir ein berufsbegleitendes Studium freitags und samstags in Kapfenberg: Industrial Management – eine Mischung aus Wirtschaft und Technik. Das war für mich sehr interessant, weil mit der technischen und der wirtschaftlichen Schiene gekoppelt hat man ganz andere Perspektiven. Wir haben uns gesagt: Egal, wie es sich entwickelt – wir versuchen es einmal. Wir sind noch dabei, und es funktioniert sehr gut. Darum sind wir zuversichtlich, dieses Studium positiv abzuschließen.

Wo muss „frau“ heute noch extra stark sein, wo herrscht schon Gleichstellung?
Bei mir kann ich sagen, in meiner Abteilung herrscht extreme Gleichstellung. Da gibt es keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Es gibt auch nie das Gefühl, dass man als Frau weniger geschätzt werden würde. Dies war auch in der HTL so – dort ist man nie belächelt worden. Obwohl wir nur drei Damen in der Klasse waren – der Rest bestand aus Männern und Burschen. Für mich hat sich das nie ergeben, die Gleichstellung in Frage zu stellen. Ich habe immer sehr gute Erfahrungen gemacht, egal ob in der Schule oder im Berufsleben. Das einzige schwierige Thema dazu in unserer Region ist die Kinderbetreuung. Hier wird man als Frau leider nicht so gut unterstützt. Vor allem wenn sich Frauen neben der Arbeit noch weiterbilden
möchte, muss man hier sehr zurückstecken. Diese Umsetzung ist dann sehr schwer, sie kann gelingen, bräuchte aber von der Region mehr Unterstützung. Vor allem in der jetzigen Zeit im Homeschooling sind besonders wir Frauen wieder sehr gefordert.

Wie sehen Sie Weiterbildung für den Arbeitsmarkt – können Sie Stärke für sich mitnehmen?
Ja, die HTL hat mir beruflich sehr viel gebracht. Ich habe sehr viel Grundlagenwissen für den Arbeitsalltag und für das weiterführende Studium aufbauen können. Diese Inhalte kann man dann auch für berufliche Perspektiven adaptieren. In Österreich gibt es die Möglichkeit, sich kostenlos weiterzubilden. Dies ist eigentlich ein Wahnsinn, wenn wir uns mit anderen Ländern vergleichen. Ich bin seit November bei der ÖBB in Knittelfeld, und die HTL Zeltweg hat mir hier die Türen geöffnet. Je nach persönlicher Ambition, wenn ich gerne in der Produktion meine 8 Stunden arbeite, dann brauche ich wahrscheinlich keine solche Zusatzarbeit. Wenn ich mich aber berufliche verändern und vielleicht auch aufsteigen möchte, ist dies eine sehr gute Option. Es ist auch neben Beruf und Familie schaffbar. Ich kann dies nur gerne weiterempfehlen.

In welchem Bereich empfinden Sie sich besonders als stark?
Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich glaube Ausdauer und Menschen für eine Idee begeistern zu können – diese Bereiche liegen mir sehr gut.

Was macht Sie stark in der Region Murau Murtal?
Auf alle Fälle meine Familie und meine Kollegen, die hinter mir stehen und mich unterstützen. Auch mein Arbeitgeber unterstützt mich sehr bei meiner Weiterbildung und wissen meine Bemühungen in diesem Bereich auch sehr zu schätzten. Das Studium ist zwar keine Voraussetzung für meine berufliche Tätigkeit, aber mein Vorgesetzter findet diese Entwicklung sehr positiv. Natürlich freut sich mein Betrieb, wenn diese Weiterbildung jemand im Unternehmen besucht und sie auch schaffen kann.

Was möchten Sie den Frauen in unserer starken Region mitgeben?!
Junge Frauen sollen sich trauen, auch in die technische Schiene zu gehen oder eine HTL zu besuchen. Egal ob jung oder alt – ich empfehle die HTL sehr gerne weiter. „Die Technik“ ist schon lange keine reine Männerdomäne mehr. Frauen können genau so gut wie Männer arbeiten. Frauen können ebenso gleich gut in Führungspositionen sein oder auch bessere Kompetenzen mitbringen wie Männer. Man muss sich einfach drübertrauen und sich nicht sagen lassen, man müsse eine kaufmännische Ausbildung absolvieren. Vielmehr kann man ohne Umstände in einen technischen Beruf einsteigen oder sich dafür ausbilden lassen!

Informiert euch jetzt über die Abendschule der HTL Zeltweg

Start September 2021
Voraussetzung: Abschluss LAP/Meisterprüfung/Werkmeisterprüfung oder nicht facheinschlägigem Fachschulabschluss
1.+2. Semester Allgemeinbildungsmodule

Fragen und Anmeldung:
HTL Zeltweg – Sekretariat
Tel.: 05 024876068
Email: office@htl-zeltweg.at
bzw.
prov. AV DI Roland Balog
Email: roland.balog@htl-zeltweg.at

Zur Website der HTL Zeltweg

 

Eine online-Informationsveranstaltung zum neuen Abendschuljahrgang findet am Donnerstag, dem 29.04.2021 um 18.00 Uhr statt.

Nähere Informationen hierzu finden Sie auf der HTL-Homepage – www.htl-zeltweg.at