Starke Helden in der Landwirschaft: Marianne Gruber

Als Bezirksbäuerin vom Murtal ist Marianne Gruber Landwirtin mit Leib und Seele sowie einem klaren Fokus nach vorne. Der Hof der Familie liegt ganz idyllisch in der Nähe zu Seckau und stellt einen nicht unwesentlichen Teil der reichen Geschichte der Region dar. Ein Interview über Nachhaltigkeit, Naturliebe und neue Normalität.

Wie lange ist Ihre Familie schon auf diesem Hof bzw. was können Sie uns zur Geschichte des Hofes erzählen?

Unser Hof, Gruber vlg. Moar, kann historisch sehr gut zurückverfolgt werden. Wir haben eine Hofchronik, die alles sehr gut dokumentiert und bis zum 14. Jahrhundert zurückgeht. Auf dem Hof wurde Ottokar von der Gaal geboren. Er war ein berühmter Reimchronist und schrieb wichtige Ansammlungen von Reimen. In der Basilika von Seckau gibt es einen Grabstein, unter dem er begraben sein dürfte. Unser Hof war ein Zehenthof vom Stift Seckau. Vorfahren haben den Hof später wieder vom Stift abgekauft, das war so um 1700. Hervorzuheben ist, dass der Hof zumeist an Frauen weitervererbt wurde. Die jungen Männer und potenziellen Hofübernehmer sind weggestorben – somit wurde der Hof immer an die Frauen weitervererbt. Nun stellt mein Mann seit sehr langer Zeit den ersten männlichen Erben dar. Dies zeigt, dass es am Hof wohl immer sehr starke Frauen gab – und natürlich auch brave Männer dazu, denn ansonsten hätte das wohl nicht funktioniert.

Welchen Stellenwert haben Bio bzw. Nachhaltigkeit bei Ihnen?

Wir sind zwar ein konventionell geführter Betrieb, aber an sich ist uns der Gedanke sehr wichtig. Wir besitzen einen sehr hohen Waldanteil und müssen daher zum Schutz der Jungpflanzen die Bäume streichen, um sie vor dem Wildverbiss zu schützen. Auch hier wollen wir etwa einen neuen nachhaltigen Weg gehen und haben begonnen, die jungen Bäume mit Schafwolle zu schützen. Außerdem bauen wir einiges an Getreide an, wobei die Ausrichtung auf Ertrag bzw. konventionell ausgelegt ist. Auch hier versuchen wir, den Betrieb weitegehend so natürlich und biologisch wie möglich zu führen.

Welche Produkte erzeugen Sie?

Auf unserem Hof erzeugen wir Milch und beliefern damit die Molkerei in der Region. Zudem besitzen wir eine Eigenjagd und arbeiten ebenfalls viel im Forst. Das Holz geht in die regionalen Sägebetriebe, je nach Holzart auch zur Papierholz. Brennholz bereiten wir lediglich für unseren Eigenbedarf auf. Fallen in der Milchviehwirtschaft auch männliche Tiere an, verkaufen wir diese zur Mast weiter.

Was lieben Sie an Ihrer Arbeit?

Ich bin in der Natur, darf mit ihr arbeiten und genieße es schon, wenn ich in der Früh rausgehen kann. So startet der Tag mit Naturgeräuschen, schön langsam und im Freien – ohne Verkehrslärm. Das Melken, obwohl ich ja nie Bäuerin werden wollte, ist für mich eine echte Auszeit. Denn die Zeit beim Melken ist stressfrei, sie dauert so lange, wie sie eben dauert: Es lässt sich nichts beschleunigen. Umso unruhiger ich wäre, umso unruhiger wären auch die Tiere. Einen Garten besitzen wir ebenfalls – man kann zuschauen, wie alles wächst. Es ist sehr schön, vom Ursprung bis zum Endprodukt dabei zu sein und alles zu beobachten. Hoffentlich kann ich das auch meinen Kindern mitgeben.

Wenn Ihnen noch Freizeit übrigbleibt, womit verbringen Sie diese?

Wir fahren gerne auf unsere Alm, um die Natur und die Ruhe zu genießen. Ich finde es sehr beruhigend, wenn ich die Kuhglocken höre. Ich lese auch sehr gerne – da sitze ich einfach in der Natur, wo es gemütlich ist, und schmökere ein tolles Buch.

Welche Projekte möchten Sie eventuell in Ihrem Betrieb noch realisieren?

Für uns passt alles sehr gut zurzeit, wir können mit der momentanen Situation gut leben – das heißt in unserem Fall viel Wald und rund 3o Stück Milchvieh sowie die Jungtieraufzucht, wobei wir hier in den letzten Jahren aufgestockt haben. Allerdings sehe ich kaum Sinn darin, immer mehr zu machen – es soll ja noch ein angenehmes, schaffbares Arbeiten sein. Nur durch mehr Arbeit bekomme ich außerdem nicht immer auch mehr heraus.

Was hat sich durch Corona an Ihrem gewohnten Alltag geändert bzw. wie gehen Sie damit um?

Geändert hat sich insofern etwas, weil alle zu Hause sind. Meine Tochter hat sich im Homeoffice in unserem Büro verbarrikadiert. Die zwei anderen Kinder gehen auf höheren Schulen und waren nun auch eine Zeit lang daheim. Computer waren Gottseidank vorhanden. Trotzdem war es zu Beginn eine Herausforderung: Auf einmal haben sich rund sieben Personen im Haus befunden. Die erste Woche im Homeschooling blieb ich vormittags auch immer daheim, weil die Kinder Unterstützung brauchten. Als Mehrgenerationenhaushalt verfügen wir über mehr Ansprechpersonen, als dies in einer Wohnung möglich wäre.

Wir haben uns allerdings sehr gefreut, dass wir nach wie vor unsere Arbeit machen konnten und sind in der Früh tagtäglich weiterhin aufgestanden bzw. in den Stall gegangen. Somit hat sich für uns an sich nicht viel geändert. Gewiss sind auch viele Termine weggefallen, so mussten die Kinder nicht mehr von A nach B gebracht werden. Auch als Bezirksbäuerin konnte ich viele Termine nicht mehr wahrnehmen.

Angst hinsichtlich Versorgung hatten wir eigentlich nicht, denn es ist natürlich ein Vorteil, wenn man weiß, wie man Lebensmittel produzieren kann. So liefern die eigenen Hühner die Eier bzw. können wir Rind- und Schweinefleisch auch selbst herstellen. Zudem gilt auf einem Bauernhof ohnehin, dass man weniger oft, dafür in größeren Mengen einkaufen geht.

Wie sehen Sie Ihre eigene Zukunft bzw. die des Bauernstandes an sich?

Ich hoffe, dass ich gesund am Bauernhof alt werde. Nachdem wir ein Vollerwerbsbetrieb sind, werde ich auch dann daheim weiterarbeiten. Die Schwiegereltern helfen auch immer mit, so gut sie können. Aber es ist ein automatischer Übergang: Sie können irgendwann auch immer weniger leisten, somit springen dann die Jüngeren ein. Zurzeit helfen auch unsere Jungen zunehmend im Betrieb mit.

Dass die Bezirksbäuerin meine verantwortungsvolle Mission ist, macht mich sehr stolz, obwohl diese Tätigkeiten zurzeit auf Eis gelegt sind.
Für uns ist es auch eine Herausforderung, über digitale Medien Veranstaltungen zu promoten, Videochats abzuhalten oder derartige Dinge. Aus meiner Sicht ist das als sehr gut zu bewerten, weil wir aus unserer Komfortzone hinausmüssen. Denn ich glaube, dass wir Bäuerinnen uns sehr oft nur im gleichen Kreis aufhalten. Ich würde mir wünschen, dass wir selbst zukünftig auch öfter über den eigenen Tellerrand schauen, anstatt oft einfach nur zu sagen, es gehe uns so schlecht. Weil: Jammern bringt keinen weiter. Besser wäre es, in die Zukunft zu blicken und positiv zu denken. Allerdings sind die Preise zurzeit wirklich im Keller, was alle sehr belastet.

Wichtig ist es zu schauen, was die Bevölkerung braucht oder was wir für Selbstverantwortung der Bevölkerung mit Almen etc. beitragen können. Rechtliche Absicherungen sind auch ganz wichtig, wenn man an das jüngste ‚Kuhurteil‘ denkt. Grundsätzlich bin ich dafür, dass wir unsere Höfe aufmachen, dass die Leute kommen können und sehen, wie wir wirtschaften oder warum wir Dinge machen wie Gülleausbringen & Co. Einfach, damit das Verständnis zwischen Stadtbewohnern und Landbewohnern gegeben ist. Hier braucht es ein gutes Miteinander. Wir brauchen die Konsumenten und sie brauchen uns. Es sollte daraus eine gute Wechselbeziehung entstehen, aber dafür benötigen wir viel Aufklärung, indem wir als Bauernschaft rausgehen und informieren. Wir müssen uns nicht rechtfertigen, sondern einfach nur erklären, wie wir arbeiten. Ich glaube, es gibt hier viele Missverständnisse, welche ausgeräumt werden könnten, wenn es mehr Kommunikation geben würde.

Welche Themen müssen die Bäuerinnen noch stärker bespielen?

Was wir ohnehin schon immer kommunizieren: regional kaufen, bewusst auf die Herkunft von Lebensmitteln schauen und in der Region produzieren – je näher, desto besser. Wir sind zwar keine Obstbauregion, aber wir haben viel Gemüse aus unserer Gegend. Auch Saisonalität ist Trumpf: Man muss nicht immer alles immer konsumieren. Je bewusster, desto besser für uns alle.

Vielen Dank für das Interview!

 

 

Regionale Lebensmittel
Knittelfeld, Sigis Bauernladen
Kobenz Bauernladen Herk
Obdach, Spar Mandl
Hofladen Liebminger
Genussladen in Knittelfeld, Shop in Shop
Seckau, Schul- und Milchbetrieb Madl
Grünalmmilch Kleinlobming
Kobenz, Rinner

Berufe im landwirtschaftlichen Bereich
https://www.lehrlingsstelle.at/steiermark/

Schule am Bauernhof, Angebote, Seminarbäuerinnen, Programm
https://www.facebook.com/seminarbaeuerinnen.steiermark/

Murtaler Kulinarium
http://www.murtalerkulinarium.at/

Ländliches Fortbildungsinstitut
www.lfi.at

Website der Bäuerinnen
www.baeuerinnen.at